


Sektion München - Starfighter landet in Fürstenfeldbruck
07.07.2011 - "Starfighter" landet in Fürsty - großer Beifall
Eine Schlagzeile dieser Art wird es in den Medien sicher nicht mehr geben.
Fürsty wurde durch die, in meinen Augen, nicht nachvollziehbare, Abtrennung wichtiger Flugbetriebsflächen so verstümmelt, daß ein militärischer Flugverkehr nicht mehr möglich ist.
Auch der Starfighter ist, außer als Gate-Guard oder in entsprechenden Museen, höchstens noch in einigen Lehrwerkstätten zu finden.
Was hier also an diesem Tag in Fürsty landete, war kein Flugzeug aus Metall und Elektronik, sondern ein äußerst lebendiger und anschaulicher, durch interessante, teilweise einmalige Bilder aufgelockerter Vortrag über eben diesen Starfighter, korrekt gesagt über das Waffensystem Lockheed F-104 G der deutschen Luftwaffe. Vorbereitet und zusammengestellt wurde dieser Vortrag von Oberstleutnant a. D. Harald Meyer, den Freundeskreismitgliedern der Sektion München ja kein Unbekannter. "Stargast" des Abends, einmaliger Kenner des "Starfighters" und damit wie geschaffen diesen Vortrag zu halten, war Oberstleutnant a. D., Oberst d. R. Heinrich Thüringer.
Um es gleich vorweg zu nehmen, 83 Zuhörer, darunter auch der Kommandeur der Offiziersschule der Luftwaffe, Brigadegeneral Habersetzer und der Chef des Schulstabes, Oberstleutnant Saier, Gäste des Starfighter-Museums aus Memmingen, sowie etliche ehemalige Flugzeugführer der F104 G bedankten sich dafür mit kräftigem Applaus und machten den Abend für die Sektion München unter ihrem Leiter Heinz Gerrits wieder zu einer gelungenen Veranstaltung.
Heinrich Thüringer wurde 1942 geboren und trat 1962 nach dem Abitur in die Luftwaffe als Offizieranwärter ein.
Nach militärischer Grundausbildung und Offizierschule in Fürstenfeldbruck kam dann die fliegerische Grundausbildung in Uetersen vor den Toren Hamburgs auf der Piaggio P149 D.
Ab 1965 dann die Jet-Grundausbildung auf den Flugzeugmustern Cessna T-37 und Northrop T-38 in Williams AFB in Arizona. Anschließend die Waffensystemausbildung auf F/TF-104 G in Luke AFB in Arizona.
Weitere Stationen in Deutschland waren dann Flugzeugführer beim JaboG 32 in Lechfeld und Staffelkapitän beim JaboG 34 in Memmingen.
1980 führte sein Weg dann wieder in die USA, als Staffelkapitän der 2./Deutsche Luftwaffenausbildungsstaffel USA, der bekannten Cactus-Starfighter-Squadron in Luke AFB.
Nach der Außerdienststellung dieser Staffel 1983 dann die Verwendung als Kommandeur Fliegende Gruppe beim JaboG 33 in Büchel. Im Oktober 1984 erflog Oberstleutnant Thüringer dann auch seine 3.000ste Flugstunde auf dem Starfighter, insgesamt erreichte er auf diesem Flugzeugtyp 3.163 Flugstunden. Eine für heutige Militärpiloten schier unvorstellbare Zahl. Insgesamt 15 Piloten der Luftwaffe und 10 Marineflieger erreichten die magische Zahl von 3.000 Flugstunden auf der F-104 G, einem Flugzeugtyp der in den Medien als höchst unzuverlässig und damit äußerst lebensgefährlich verschrien war.
Ab 1987 dann die Umschulung auf das Flugzeugmuster Panavia PA2000 Tornado, schließlich stellvertretender Kommodore des JaboG 38 in Jever.
Am 31.12.1994 beendete Oberstleutnant Thüringer schließlich seine aktive Dienstzeit mit insgesamt 4200 Flugstunden.
Aufbauend auf den Erfahrungen des Koreakrieges entwarf 1951 der berühmte Flugzeugkonstrukteur "Kelly" Johnson das damals Lockheed Modell 83 genannte Flugzeug.
1954 erfolgte der Erstflug der nunmehrigen XF-104 und 1956 stand mit der F-104 A das erste Serienmodell zur Verfügung. Insgesamt wurden 2.579 F-104 hergestellt und in den verschiedensten Ausführungen von folgenden Staaten eingesetzt: Belgien, Dänemark, Griechenland, Italien, Japan, Jordanien, Kanada, Niederlande, Norwegen, Pakistan, Puerto Rico, Spanien, Taiwan, Türkei und der USAF.
Die Bundesrepublik Deutschland beschaffte unter dem damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß insgesamt 917 Maschinen der Typen F-104 G, TF-104 G, RF-104 G und F-104 F.
Erster deutscher Verband mit der F-104 G war die Waffenschule der Luftwaffe 10 (WaSLw 10) in Nörvenich, bzw. Jever ab Mai 1960.
Die beiden Jagdgeschwader JG 71 "Richthofen" in Wittmund und JG 74 "Mölders" in Neuburg/Donau waren damit ebenso ausgestattet, wie die Jagdbombergeschwader JaboG 31 "Boelcke" in Nörvenich, JaboG 32 in Lechfeld, JaboG 33 in Büchel, JaboG 34 in Memmingen und dem JaboG 36 in Rheine-Hopsten.
Die beiden Aufklärungsgeschwader AG 51 "Immelmann" in Bremgarten und AG 52 in Leck flogen den Typ RF-104 G.
Auch die Marine setzte die F-104 G in den Geschwadern MFG 1 in Schleswig-Jagel und MFG 2 in Eggebeck ein, wenngleich die Kombination einsitzige/einstrahlige Maschine über See nicht unbedingt als optimal gilt.
30 der Bundesluftwaffe gehörende F-104 F waren, mit amerikanischen Hoheitsabzeichen versehen, in den USA stationiert. Über 2000 deutsche Flugzeugführer wurden dort auf diesem Typ ausgebildet.
Seine aktiven Tage beendete der Starfighter schließlich beim damaligen Luftwaffenversorgungsregiment 1 (LVR 1) in Erding (1988) und der Wehrtechnischen Dienststelle 61 (WTD 61) in Manching im Mai 1991.
Der Starfighter war sicher das umstrittenste Militärflugzeug seiner Zeit. Die bis heute skandalumwitterte Beschaffungsentscheidung, immer wieder tragische Unfälle mit tödlichem Ausgang, unerträglicher Düsenlärm für die Bewohner flug- und schießplatznaher Siedlungen - in den Medien kam der Starfighter selten gut weg.
Auch von wenigen Piloten wurde er gehaßt - von vielen aber heiß geliebt.
Und da sollte man sich einfach nochmal die Zahlen vor Augen halten, die in Verbindung zu diesem Flugzeugtyp stehen:
917 Maschinen, über 2000 Piloten darauf ausgebildet, 25 Piloten mit mehr als 3.000 Flugstunden auf diesem Typ, 242.785 Flugstunden beim JaboG 34, 231.900 Stunden beim JaboG 33, 173.070 Stunden bei den Marinefliegern in Eggebeck, - aber auch 292 abgestürzte Maschinen mit 116 toten Flugzeugführern, 171 konnten sich mit dem Schleudersitz retten.
Peter Aigner
