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Sektion München - Ein Alter Adler berichtet

 

 

Ein alter Adler - aber kein flügellahmer Adler

 

Zu etwas ungewohnter Nachmittagsstunde trafen sich am 7. Juli zwanzig Mitglieder der Sektion im Wintergarten des Offizierheimes in Fürstenfeldbruck. Bei Kaffee und Kuchen war dann schnell die richtige Atmosphäre geschaffen, um Gunther Großmann, seit 01.08.1990 treues Mitglied des Freundeskreises, von seinen fliegerischen Erlebnissen erzählen zu lassen.

Ein kleiner Versprecher gleich zu Beginn brachte alle Teilnehmer zum Schmunzeln:
Nach dem Alter gefragt, gab Gunther Großmann dieses statt mit 87 mit 78 an. Ein Alter, das man ihm auch ohne weiteres abnehmen würde. Damit ist er einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen der
Luftschlachten des Zweiten Weltkrieges.

Bereits von Kindesbeinen an muß ein gehöriger Schuß Fliegerblut in seinen Adern fliesen.
1924 geboren, erlernte er bei den Siebel-Flugzeugwerken in Halle/Saale den Beruf des Flugzeugbauers.
1939 als 15-jähriger wurde er Mitglied im Nationalsozialisten Fliegerkorps (NSFK) damals eine der wenigen, wenn nicht sogar die einzige Möglichkeit, den geliebten Flugsport ausüben zu können. Das NSFK war, nebenbei bemerkt, bis zur Auflösung 1945 eine selbstständige Körperschaft des öffentlichen Rechts und nicht, wie vielfach falsch behauptet, eine Gliederung der NSDAP oder dieser angeschlossen. Auf dem berühmten Schulgleiter SG 38 erfolgten die ersten "Luftsprünge", um schließlich nach A-; B- und C-Prüfung auch noch den Luftfahrerschein zu erlangen.
1942 dann die freiwillige Meldung zur Luftwaffe, nur dadurch war die Ausbildung zum Flugzeugführer möglich. An der Flugzeugführerschule Oschatz in Sachsen wurde unter anderem auf dem ebenfalls weit bekannten Schul- und Übungsflugzeug Bücker Bü 181 geflogen. Gemäß dem damaligen Ausbildungskonzept der Luftwaffe folgten weitere ein- und mehrmotorige Maschinen, wie zum Beispiel die dreimotorige Junkers Ju 52.


Gunther Großmann jedoch wollte zur Jagdfliegerei und landete dann auch auf dem Flugzeugtyp, dem er bis Kriegsende treu bleiben würde: der Focke-Wulf Fw 190. Die Focke-Wulf war neben der Messerschmitt Me 109 der zweite berühmte deutsche Kolbenjäger und dieser in manchen Eigenschaften sogar überlegen. Aber auch damals zeigte sich bereits, daß eine zu enge Verflechtung zwischen Politik und Rüstungsindustrie nicht immer ohne Schattenseiten ist.
Im Sommer 1944 dann über Mitteldeutschland der erste Feindflug mit einer Focke-Wulf Fw 190 A-7.
Die doch verhältnismäßig lange Zeit zwischen Beginn der Ausbildung und dem ersten Feindflug zeigt, daß die damalige Luftwaffe auch im vierten Kriegsjahr und darüber hinaus großen Wert auf eine gründliche Ausbildung ihrer Flugzeugführer legte.
Die deutschen Truppen waren zu diesem Zeitpunkt bereits auf allen Fronten auf dem Rückzug und die Luftwaffe errang zwar immer wieder Achtungserfolge, aber der Kampf gegen die alliierten Bomberströme wurde für die deutschen Jäger immer aussichtsloser. Daran konnte auch die ständige Weiterentwicklung der eingesetzten Flugzeugtypen, wie auch die Entwicklung neuer Typen bis hin zum "Düsenjäger" bekanntlich nichts mehr ändern.


Zweimal mußte Gunther Großmann während seiner Einsatzzeit "aussteigen", d.h. seine Maschine mit dem Fallschirm verlassen, Erholungspausen gab es deswegen aber keine. Mensch und Material wurden bis zum letzten gefordert.
Schiessen oder abgeschossen werden, leben oder sterben. Eingeübte, mechanische Handlungen traten während der Einsätze in den Vordergrund - für moralische Zweifel und Gedanken war kein Platz. Eine Aussage, die übrigens auch Günther Rall bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte 2008 auf dem Flugplatz in Landshut-Ellermühle anläßlich einer Gesprächsrunde machte.
1945 bei Kriegsende mußte Gunther Großmann dann mit den Resten des Jagdgeschwaders 26 "Schlageter" (JG 26 "S") den bitteren Weg von Deutsch-Brod, im heutigen Tschechien gelegen, in eine vierjährige sowjetische Kriegsgefangenschaft antreten.


Wie vielen seiner ehemaligen Kameraden gelang ihm danach der Neuanfang. Nach einem Ingenieurstudium wieder zur Militärfliegerei, diesmal bei der NVA. 1959 dann die "Übersiedlung" in die Bundesrepublik. Doch damit sind wir endgültig in der Nachkriegszeit angelangt - vielleicht
gibt es ja eine weitere Gesprächsrunde. Ich würde mich freuen.

Gunther Großmanns Bericht war beileibe keine trockene Aneinanderreihung von Fakten und Zahlen.
Teilweise amüsant, wenn es um Erlebnisse mit damaligen Partei- und Militärgrößen ging, teilweise nachdenklich machend, wenn es um die Schilderung der Einsätze ging: Hier kam dann auch die wohl allen Jagdfliegern eigene Gestik, die die Position zweier Flugzeuge verdeutlichen soll, zum Einsatz.

Als bleibende Erinnerung an diesen Nachmittag ist Gunther Großmann nun stolzer Besitzer eines eigenen Flugzeuges - des inzwischen berühmten Faltdoppeldeckers aus der "Flugzeugschmiede" Voggenreiter.

 

Peter Aigner

 

 

2011-06_Artikel_Grossmann