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Reisebericht Schweizer Aviatik-Tage 2010

 

Schweizer Höhenflüge

Reisebericht Schweizer Aviatiktage 2010 im Tessin

Woran denken Sie, wenn sie den Namen „Tessin" hören? An Palmen, Rhododendren, südländisches Flair gepaart mit Alpengipfeln? Stimmt schon, aber das Tessin, oder das „Ticino"  wie die italienisch sprechenden Schweizer sagen, ist noch viel mehr. Genau das zu zeigen war das Ziel der Schweizer Aviatiktage 2010, die diesmal vom 19. bis zum 21. Mai 2010 in dem südlichsten Kanton der schönen Schweiz stattfanden.

Constantin Hürlimann, der die Schweizer Aviatiktage seit 2003 organisiert, hatte diesmal nach Locarno an den Lago Maggiore eingeladen: Locarno, die Stadt der Filmfestspiele, und auch die Stadt der Locarno-Verträge von 1925, mit denen Deutschland nach dem 1. Weltkrieg der Eintritt in den Völkerbund ermöglicht worden war. Der Freundeskreis Luftwaffe hatte auf die Veranstaltung in der Flugrevue aufmerksam gemacht und somit waren in der Gruppe auch viele Mitglieder des Freundeskreises Luftwaffe vertreten.

Unser diesjähriges Quartier war das „Hotel della Posta". Ein sehr schönes  Hotel am Hang des Hausbergs von Locarno, der Cardada, gelegen, wodurch dem Gast ein echter Postkartenblick auf den Lago Maggiore beschert wird. Es wird von der sympathischen Frau Schnarwiler und ihrem ebenso gastfreundlichen Sohn Thomas geführt. Bereits bei der Ankunft hatte jeder Teilnehmer gemerkt, dass dieses Hotel nicht nur mit viel Fleiß sondern auch mit viel  Engagement geführt wird.

Der erste Tag begann nach der obligatorischen Einführungsansprache durch Constantin Hürlimann bereits mit dem Fliegen, aber diesmal etwas anders als gewohnt: in einer Falknerei waren wir Gast einer beeindruckenden Greifvogelshow: amerikanische Weißkopfseeadler, große Uhus und andere seltene Greifvögel flogen im Tiefflug auf einer Tribüne direkt über unseren Köpfen entlang; so nah waren einem diese wunderschönen Tiere sicherlich noch nie. Anschließend waren wir noch in Locarno unterwegs und entdeckten die historische Altstadt sowie den großen Hafen mit den vielen Sportbooten und den Tragflügel-Booten der ebenfalls hier anlandenden italienischen Schifffahrtsbetriebe. Abends fuhren wir mit der Standseilbahn „Funicolare" wieder hinauf ins Hotel, wo Frau Schnarwiler und ihre Crew ein leckeres Tessiner Abendessen vorbereitet hatten: original Tessiner Bratwürstchen, sogenannte Luganighe, mit Safran-Risotto nebst Dessert- einfach köstlich!  Danach wurden noch Filme über die Schweizer Luftwaffe und über das Pilatus PC-7 Team (www.pc7-team.ch) gezeigt, damit wir auf den kommenden Besuch bei deren Training vorbereitet werden konnten.

Der Donnerstag begann früh: das PC-7 Kunstflugteam der Schweizer Luftwaffe hatte uns bereits am Mittwoch telefonisch gebeten früher als geplant, nämlich bereits um 07:00 Uhr auf dem Flugplatz Locarno-Magadino zu erscheinen, denn es herrschten ungünstige Windverhältnisse, die ein späteres Starten des Teams hätten riskant werden lassen. „Safety first" ist auch bei diesem berühmten Kunstflugteam, welches in der ganzen Welt als Botschafter der Schweiz unterwegs ist, oberstes Gebot. Wir wurden am Eingang des Stützpunktes abgeholt und sogleich in den Briefingraum geleitet. Dort begrüßte uns der „Leader", Hauptmann Bernhard Lehmann, mit seinem Team und besprach die zu fliegenden Figuren. Danach verließen wir gemeinsam mit dem Team den Raum und erwarteten, dass nun der Start beginnen würde -  doch weit gefehlt! Auf dem Vorplatz des Schulungsgebäudes sammelte Leader Lehmann noch einmal seine Jungs um sich und schritt alle Flugfiguren ruhig und konzentriert auf dem Boden ab- die Piloten, die üblicherweise in schnellen F-18 Kampfjets der Schweizer Luftwaffe sitzen, folgten geduldig -Schweizer Gründlichkeit! Dann kam Hauptmann Lehmann zu uns: „Es geht los!" Wir gingen zu der aufgestellten Reihe der zwölf Pilatus PC-7 Trainingsflugzeuge. Die Maschinen, die früher orange lackiert waren, wurden ab der Saison 2008 umfassend modernisiert: sie sind nun rot-weiss lackiert und besitzen das mit Computerdisplays ausgestattete hochmoderne Glascockpit. Wir wurden höflich darauf aufmerksam gemacht, das Cockpit nicht zu fotografieren. Der neue PC-7 ist voll Zivil IFR tauglich - er verfügt darum über ein GPS System sowie einen Autopiloten. Unter der Cowling arbeitet die bewährte Pratt & Whitney PT6A-Turbine, deren  550 PS mittels Dreiblattverstellpropeller in ca. 500 km/h Spitzengeschwindigkeit umgewandelt werden.

„Solo autorizzati"- „Nur für Berechtigte" stand auf den Schildern vor der Aufstellfläche, doch wir konnten von einer weißen Linie aus die in der Morgensonne schimmernden blitzblanken Flugzeuge gut erkennen und fotografieren. Die Triebwerke wurden angelassen und die Maschinen stiegen in Zweiergruppen in die Luft. Unsere Fußgängergruppe wurde mit Kleinbussen zu einem Flugfeld  gebracht, von dem aus wir das Training gut beobachten konnten. Auf der kurzen Fahrt zu dem Beobachtungspunkt schaltete der Kommandant, Oberst Werner Hoffmann, für uns sogar freundlicherweise das Radio ein und es erklang: ja, wirklich: Satellite! Vorausschauend sind die Schweizer also auch noch!

Die Vorführung war technisch perfekt, souverän und beeindruckend. Der akustische Effekt der vorbeifliegenden Propellerflugzeuge ergab mit der eleganten Flugweise eine gelungene Synthese. Im Anschluss wurden wir in den Hangar gebeten und konnten uns einen PC-7 und einen Pilatus Porter PC-6, das legendäre „Arbeitspferd" der Schweizer Armee und Luftwaffe, genauer anschauen. Danach folgte ein interessanter Vortrag von Oberst Beat Am Rhyn, Chef SPHAIR www.sphair.ch,  über die Pilotenwerbung und -ausbildung in der Schweizer Luftwaffe. Nachdem wir in der Kantine noch zum Essen eingeladen wurden, bedankten wir uns bei unserem Kontaktmann, Stabchef Base Aerea  Magadino, Carlo Manea, für die Gastfreundschaft der Staffel. Eine Kiste guten Weins, die Jürgen Halbreder gestiftet hatte, wurde dankbar übergeben. Danach ging es weiter zur RUAG, wo uns Davide Benelli über die Wartung des Pilatus PC-9 informierte und mit uns einen Rundgang durch die Tessiner Niederlassung des international tätigen Unternehmens  durchführte.

Der nächste Besuch wartete schon: die Baustelle des Gotthard-Basistunnels, der von der Firma Alptransit NEAT gebaut wird. Er wird mit einer Länge von 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt werden und wird über zwei Tunnelröhren verfügen. Am 15. Oktober 2010 soll der Durchstich erfolgen, der Bahnbetrieb wird voraussichtlich im Jahre 2017 aufgenommen werden können. Alptransit PR-Fachmann Davor Turkovic hielt ein sehr interessantes Referat („Der Beginn des Tunnels ist natürlich hier und nicht im Norden, wie mein Kollege aus dem Kanton Uri immer behauptet...!"). Er zeigte uns einen Film und ein Modell der riesigen Tunnelbohrmaschine, die von der deutschen Firma Herrenknecht gebaut wurde. Ferner besichtigten wir den südlichen Tunneleingang. Der Rückweg nach Locarno führte uns noch über die ehemalige Festungslinie LONA bei Biasca, die zum Schutz des ersten Gotthard-Eisenbahntunnels und der wichtigen Zentral-Alpenpässe während der Zeit des 2. Weltkrieg gebaut worden war.

Am Freitag fuhren wir mit dem Reisebus bei Bilderbuch-Wetter über Lugano nach Melide in das Freiluftmuseum „Swissminiatur". Dort werden viele Schweizer Sehenswüdigkeiten als übergroße Architekturmodelle in 25-facher Verkleinerung dargestellt, ein erhebendes Gefühl. Danach besuchten wir unweit der italienischen Landesgrenze die alteingesessene Schokoladenfirma Alprose in Caslano, der auch ein schönes Schokoladenmuseum angegliedert ist. Es kostete einige Mühe, die Mitbringsel für die Daheimgebliebenen nicht schon vorher aufzuessen...

Nach dem Mittagessen ging es zum Flugplatz Locarno-Magadino. Eine Gruppe, die  durch eine Auslosung bestimmt wurde, durfte den blau-gelben Hubschrauber, Marke Eurocopter AS 350 B4 Ecureuil besteigen und wurden von Heli-Rezia Pilot Nicola Terribilini direkt zum auf 1409 Metern Höhe gelegenen Gebirgslandeplatz Alpe di Foppa geflogen, wo man "stilecht" erstmal zum Gruppenfoto landete und bildungshungrig die architektonisch interessante Kirche des Tessiner Stararchitekten Mario Botta besuchte. Danach bestieg man wieder „seinen" Hubschrauber und der Flug führte weitere 15 Minuten im Tiefflug über den Lago Maggiore, über die Brissago-Inseln und die Cimetta-Anhöhe zurück nach Magadino. Die andere Gruppe flog mit einer Cessna 172 und mit einer Piper Archer eine ähnliche Strecke, aber gleich 40 Minuten „am Stück", beispielsweise so über das schöne Verzasca-Tal, von dessen Vogorno-Staudamm sich James Bond in dem Film „Golden Eye" bungeejumpend und gentlemanlike herabstürzte. Etwas ganz Besonderes aber gönnten sich Wolfgang Leetz und Manfred Mönch: sie wählten das Zusatz-Flugangebot und flogen völlig nach eigenem Geschmack im zweisitzigen Pilatus PC-7 Trainingsflugzeug, dem einzigen dieses Typs, das in der Schweiz privat betrieben wird. Pilot war hier der erfahrene Marco Guscio. Wolfgang Leetz nutzte die Gelegenheit diesmal gleich das 4478 Meter hohe Matterhorn von oben zu besuchen! Sicher ein absoluter Höhepunkt im Leben eines Luftfahrtbegeisterten!

Am nunmehr letzten Abend der Aviatiktage waren alle Teilnehmer auf der schönen Terrasse im Hotel della Posta wieder zusammen. Dem emsigen Constantin Hürlimann wurde mit einer spontanen Rede vom Verfasser dieser Zeilen stellvertretend für alle Teilnehmer für die viele Vorarbeit gedankt und ein kleines Präsent übergeben. Die  Teilnehmer waren von diesem schönen und auch irgendwie einzigartigen Teil der Schweiz sehr beeindruckt. Alle waren sich einig: „Twelve points go to: Switzerland und Schweizer Aviatiktage!"

 

Ralf Karasch, Berlin

 

 

Bild_01_Helm

Bild_02_Flugzeuge_vor_Bergen

Bild_03_Pilot_beim_Einsteigen

Bild_04_Reisegruppe_Berlin