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Sowjetische taktische Kernwaffen in der DDR

Geschichtsstunde

Ein wenig bekanntes Kapitel aus dem Kalten Krieg beleuchtete der Freundeskreis Luftwaffe e. V bei einer Informationsveranstaltung auf dem Flugplatz Großenhain und im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden.
Der Einladung wurde sehr zahlreich Folge geleistet. Schon frühzeitig füllte sich der Parkplatz vor dem Sonderwaffenlager des ehemaligen Flugplatzes der sowjetischen Fliegerkräfte in der DDR - galt es doch hier ein ganz spezielles Relikt aus der Hochzeit des Kalten Krieges besichtigen zu können: das Sonderwaffenlager vom Typ „Granit 1“ für die Lagerung taktischer Nuklearwaffen. Dabei war Großenhain nur einer von mehreren Flugplätzen, wo eine Zuordnung zu nuklearen Sonderwaffenlagern möglich ist.
Marcel Reichel, Leiter der privaten Flugplatzausstellung, informierte anhand einer filmischen Dokumentation in dem restaurierten Bunker über die wechselvolle Geschichte dieses sächsischen Flugplatzes in der Zeit von 1913 bis 1993.
Besonders die Belegung des Platzes durch die sowjetischen Frontfliegerverbände von 1945 bis zu deren Abzug 1993 war Gegenstand der Ausstellung. Neben der Dokumentation des damals sehr streng bewachten Lagers für nukleare taktische Kernwaffen waren auch Exponate sowjetischer Militärtechnik und des Soldatenalltags zu besichtigen.
Seit 2008 ist es dank der Initiative solcher Menschen wie Marcel Reichel und anderer gelungen, einen sogenannten „Pfad um die Geschichte des Flugplatzes Großenhain“ zu schaffen. Dazu zählen neben dem Atombunker Exponate wie eine MiG-17 und die hervorragend restaurierte „Kompensierscheibe“ aus der Zeit der militärischen Nutzung des Flugplatzes während des Zweiten Weltkrieges durch die deutsche Luftwaffe.
Der zweite Teil der Informationsveranstaltung führte die Teilnehmer nunmehr in das Militärhistorische Museum der Bundeswehr nach Dresden. Oberstleutnant Ferdinand Freiherr von Richthofen, Leiter des MHM und Gastgeber für die nun weiterführende Vortragsreihe zu ausgewählten Kapiteln der damaligen Konfrontation zwischen Ost und West, begrüßte die Gäste.
Sein Vortrag stellte sowohl das künftige räumliche als auch das inhaltliche Konzept des Museums für deutsche Militärgeschichte sehr anschaulich vor. Das zurzeit im Umbau befindliche Museum erhält nicht nur eine räumliche Ergänzung, sondern auch ein völlig umgestaltetes späteres Ausstellungskonzept. Bisher üblicherweise abstrakt oder anonym vermittelte Geschichte wird hier mittels Exponaten, Lebensläufen, Ereignissen oder Zeitzeugen für die Besucher lebendig erzählt. Geschichte bekommt hier einen Namen, ein Gesicht, und wird somit „erlebbar“.
Außerdem war es spannend anzuhören, welche Symbolik die von Daniel Libeskind entworfene Architektur aufweist, sie verdeutlicht einerseits Kontinuität, gleichzeitig aber den Bruch in der deutschen und damit auch europäischen Geschichte. Selbst die V-Form des neuen Gebäudeteiles assoziiert das Bombeninferno der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 auf die sächsische Landesmetropole Dresden.
Jedenfalls machten die Ausführungen des Leiters der Einrichtung neugierig auf die geplante Eröffnung 2011. Fortgeführt wurde der Vortrag durch Ausführungen der beiden Berliner Journalisten Stefan Büttner und Holger Müller über die Zweitrolle von NVA-Jagdflugzeugen wie MiG-21, MiG-23 und MiG-29 als taktische Nuklearwaffenträger. Die Flugzeuge waren zwar entsprechend vorgerüstet, aber gleichzeitig erwies sich auch das Training der Piloten und die im Kriegsfall schnelle Umrüstung und Anlieferung der Nuklearwaffen als notwendig. Diese durchgehende Wirkungskette konnte jedoch wegen der damaligen hohen Geheimhaltungsstufe und der heutigen sehr dürftigen Dokumentenlage zweifelsfrei nicht nachgewiesen werden. Auch die geringe Eindringtiefe der MiG-21 als taktischer Behelfs-Kernwaffenträger wäre sicherlich so zu berücksichtigen gewesen. Gleichwohl verfügte die NVA über den geeigneten Jagdbomber MiG-23BN. Die Ausführungen eines anwesenden ehemaligen Jagdbomberflugzeugführers der NVA-Luftstreitkräfte brachten zum Ausdruck, dass die NVA in ihrer Einsatzdoktrin auch die Führung präventiver Nuklearschläge vorsah.
Beendet wurde der Nachmittag durch die Ausführungen von Oberstleutnant a. D. Gunter Fichte zum Thema „Mit der MiG-29 in die deutsche Einheit“. Er hatte 1989 als Pilot auf die MiG-29 ungeschult und war Staffelkommandeur im Jagdgeschwader 3 in Preschen.
Der letzte Flug einer MiG-29 als NVA-Flugzeug fand am 27. September 1990 statt. Mit dem Übergang der MiG-29 in die Luftwaffe der Bundeswehr am 3. Oktober 1990 wird aus dem JG 3 der NVA das „Erprobungsgeschwader MiG-29“. Die fliegende Staffel führt zunächst Gunter Fichte, nun als Staffelkapitän im Rang eines Majors der Bundeswehr. Am 1. Juni 1993 wird aus dem Verband das JG 73, welches im Dezember 1994 nach Laage verlegt und mit den aufgelösten F-4F-Phantom-Komponenten des JaboG 35 aus Pferdsfeld zusammengeführt wird.
Natürlich taucht auch immer wieder die Frage auf, ob die „Fulcrum“ eine gleichwertige Alternative zum Eurofighter sein konnte. Die Frage lässt sich laut Fichte eindeutig beantworten: Die MiG-29 besaß ausgezeichnete Flugeigenschaften und war für das Einsatzkonzept des Kalten Krieges optimiert. Insbesondere Radartechnik und Avionik, aber auch das Ersatzteil- und Wartungskonzept ließen sich nur mit erheblichem Aufwand den Einsatzkonzepten der Luftwaffe und damit auch der NATO anpassen. Andererseits wurden jetzt vorhandene Spielräume zur Erprobung der tatsächlichen Leistungsfähigkeit des Flugzeuges genutzt. Nicht zuletzt weil nun auch die Originalvorschriften zum Betrieb des Flugzeuges vorlagen. Für die Piloten aus der ehemaligen NVA war es eine neue Erfahrung, dass erst jetzt zuvor nie wirklich trainierte Manöver zur Selbstverteidigung und zum Lösen aus dem Luftkampf in schwieriger Lage gelehrt wurden. Das verstärkte die bereits aufgekommene Erkenntnis, in der Zeit des Kalten Krieges wohl mehr oder weniger „verheizt“ worden zu sein. Gleichwohl wurden in der Nachwendezeit neben diesen technisch/taktischen auch menschliche Erfahrungen gewonnen. Einigen tiefen Enttäuschungen stehen eine so nicht unbedingt erwartete Offenheit und überwiegende Kameradschaft gegenüber.
RAINER APPELT