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Dezember 2011 - Oberst i.G. Badia berichtet über die Zukunft der Luftwaffe

In einem bemerkenswert spannenden und lebhaften Vortrag wußte Oberst i.G. Christian Badia die über 40 Zuhörer aus Politik, Industrie, DLR sowie Mitglieder in seinen Bann zu ziehen.

Im Rahmen der monatlichen Vorträge des Freundeskreis Luftwaffe e.V. und der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt DGLR e.V. schilderte Badia nicht nur die aktuell geplante Struktur, sondern machte auch sehr detailliert deutlich, warum es zu diesen Entscheidungen gekommen ist. Es war ihm ein spürbares Anliegen, die Prozesse, die zu den folgenden Entscheidungen führten, darzustellen und damit auch für Verständnis zu werben. Dafür bringt Badia beste Voraussetzungen mit: Er ist nicht nur Leiter des Referats III 1 im Führungsstab der Luftwaffe (FüL) im Verteidigungsministerium, sondern nimmt seit einigen Monaten zusätzlich den Dienstposten des Stabsabteilungsleiters III im FüL wahr. Von Hause aus ist Badia Jagdflieger und ehemaliger Kommodore des Jagdgeschwaders 71 „Richthofen".

 

Vorbedingungen und Sicherheit im 21. Jhd.

Zunächst einmal gilt es, das Rad in die Jahre 2009 / 2010 zurückzudrehen und einen Blick auf die Ausgangssituation zu werfen. Schon dort waren die bestimmenden Faktoren für den Umbau der Streitkräfte erkennbar. Die zukünftige Bundeswehr und damit auch die zukünftige Luftwaffe bewegt sich im Spannungsfeld politischer Vorgaben, finanzieller Rahmenbedingen und Faktoren der Personalentwicklung, bspw. veränderte Rahmenbedingungen der Rekrutierung durch Aussetzen der Wehrpflicht. Hinzu kommen noch die Erfahrungen aus den Einsätzen, die die Bundeswehr intern in den letzten Jahren maßgeblich geprägt haben.

Trotz dieser Einschränkungen hat sich aber der Begriff der Sicherheitsvorsorge in den vergangenen Jahrzehnten diametral verändert: So sprechen wir heute von einer globalen oder vernetzten Sicherheitsvorsorge, welche weit mehr bedeutet als reine Landes- oder Bündnisverteidigung. Potentielle Gefahrenherde können durch Folgen des Klimawandels entstehen, sozioökonomische Gefahren oder Gefahren der fortschreitenden Urbanisierung. Auch werden in Zukunft Verteilungskämpfe um Rohstoffe wahrscheinlicher, wie Badia anhand bemerkenswerter Rüstungsprojekte im Bereich der Luftstreitkräfte afrikanischer Staaten ausführte.

Für Deutschland und seine Sicherheitsinteressen bedeutet dies, unabhängigen Zugang zu Seewegen und zum Luft- wie Weltraum sicherzustellen, auch den geschützten Zugang zum Informationsnetzen darf die Sicherheitsvorsorge nicht vernachlässigen - zu groß sind die Abhängigkeiten Deutschlands von Dienstleistungen aus diesem Bereich. In diesem Zusammenhang muß auch der Komponente „Weltraum" eine wachsende Aufmerksamkeit zu Teil werden. Unsere Gesellschaft hängt in unzähligen Bereichen von raumgestützten Diensten ab, sei es in den Bereich Wettervorhersage, GPS und Navigation oder Telemedizin. Auch das Militär kann nur schwer auf Dienste aus dem Weltall verzichten: Eigene Satelliten zur bildgestützten Aufklärung und zur weltweiten Kommunikation belegen dies.

 

Folgen für die Luftwaffe

 

Für die Luftwaffe bedeutet dies eine Abkehr von tradierten, klassischen Einsatzszenarien: Luftkriegsoperationen werden weniger, zeitlich begrenzter und hochpräzise ausgeführt, einhergehend mit einer steigenden Bedeutung von Operationen im Bereich der Luftunterstützung und der Überwachung und Aufklärung. Diese veränderte Einsatzrealität schlägt sich im zukünftigen Fähigkeitsspektrum nieder: die Luftwaffe erfüllt zum einen schon immer einen täglichen Dienst im Inland, indem sie durch ständige Bereitstellung von Jagdflugzeugen und Aufklärungsmitteln die Unversehrtheit des deutschen Luftraumes garantiert und darüber hinaus den bekannten Such- und Rettungsdienst SAR mittels leichter Hubschrauber ermöglicht. Zusätzlich werden die gleichen Soldatinnen und Soldaten beispielsweise aber auch im Ausland gefordert: das Spektrum reicht von humanitären Hilfseinsätzen im Katastrophenfall über Luftraumsicherung für NATO-Partner (z.B. Air Policing Baltikum) bis hin zu Kampfeinsätzen im Rahmen der ISAF in Afghanistan.

Die geschilderten Rahmenbedingungen und Einsatzrealitäten der Luftwaffe lassen es zu, eine Art „Referenzluftwaffe" auf dem Reißbrett zu entwerfen, die diese Anforderungen in sich vereint. Der streitkräftegemeinsame Ansatz steht im Vordergrund und bestimmt die neuen (alten) Kernfähigkeiten der Luftwaffe: „Dinge, die sonst niemand kann",  machen die Luftwaffe aus, so Badia.

Im Rahmen dieses Umbaus wird allein die Luftwaffe rund 12.000 Dienstposten abbauen müssen und so ihre Stärke von derzeit 34.300 auf 22.550 Soldatinnen und Soldaten verringern. Die Bundeswehr ist angehalten, bin zum Jahr 2015 acht Milliarden Euro einzusparen. So verringert die Luftwaffe ihre „Grobstruktur" von derzeit neun Großstäben auf in Zukunft vier Großstäbe. Höchste Kommandoebene der Luftwaffe wird das sogenannte „Kommando Luftwaffe" sein, dem nur noch drei Kommandobehörden unterstellt sind: das Zentrum für Luftoperationen, das Kommando der Einsatzverbände der Luftwaffe sowie das Kommando der Unterstützungsverbände der Luftwaffe. Dennoch oder gerade deshalb wird sich aber die Leistungsfähigkeit und die Flexibilität der Luftwaffe erhöhen. Wichtige Kenngrößen, wie z.B. das Verhältnis von „Kämpfer zu Stab" oder „Waffensystem zu Unterstützungseinheiten" verändern sich zum positiven und machen so die neue Effizienz deutlich. Es wird möglich sein, täglich bis zu 3.000 Soldatinnen und Soldaten der Luftwaffe im Einsatz zu haben. Die Luftwaffe ist traditionell eine Truppengattung mit aufwendigen, teuren und hochtechnologisierten Waffensystemen. Gerade bei Beschaffungen spielen daher Faktoren wie Preistreue und Termintreue eine überaus wichtige Rolle, „sonst haben Sie einen speziell für ein neues Waffensystem umgebauten Fliegerhorst mit entsprechend qualifiziertem Personal, allein das Waffensystem fehlt..."

Die Luftwaffe wird sich daher vorrangig auf die Großprojekte Eurofighter und A400M konzentrieren, dazu kommt die Übernahme der CH-53 Hubschrauber des Heeres und die Arbeit am zukünftigen Luftverteidigungsverbund 2020.

Die Zukunft der Luftwaffe wird sich schwerpunktmäßig vor allem in den folgenden Themenkomplexen abspielen: die sog. „Air Surface Integration" (hohe Integration der Lw zum Erreichen streitkräftegemeinsamer Ziele), die Weltraumnutzung sowie die Nutzung unbemannter Systeme und die Flugkörperabwehr.

Stationierungsentscheidungen

Oberst i.G. Badia ließ auch die Entscheidungen zu Standortfragen nicht im Unklaren. Die Luftwaffe wird 15 Standorte aufgeben, von diesen werden zehn Standorte aufgelöst. Im Rahmen von verschiedenen Kriterien hat die Luftwaffe alle Standorte geprüft und hinsichtlich dreier Kategorien: erste Priorität haben die Bereiche „Einsatz, Betrieb und Kosten" zu, gefolgt vom Priorität-2 Kriterium „Flexibilität" und „Attraktivität, Synergien und Vorschriften" als Priorität drei.

Demnach wird das neue Kommando Luftwaffe in Berlin aufgestellt, die Bereiche Kommando Einsatzverbände und Unterstützungsverbände in Köln Wahn und das Zentrum für Luftoperationen in Kalkar. Badia machte aber auch deutlich, dass gerade in der häufig emotionalen Standortdiskussion auch weniger bekannte Faktoren berücksichtig werden müssen: So hat bspw. die Entwicklung des zivilen Luftverkehrs erheblichen Einfluß auf die Lage der zukünftigen Fliegerhorste: liegen diese in besonders vom zivilen Luftverkehr genutzten Bereichen, schränkt sich die Luftwaffe selbst ein, wenn diese nicht Einschränkungen im militärischen Flugbetrieb hinnehmen will.

 

Fazit

 

Schlußendlich bleibt zu sagen, dass Oberst i.G. Badia sein zu Anfang des Vortrags selbst gestecktes Ziel voll erreicht hat:  Allen Zuhörern sind die Bedingungen und Maßnahmen zur Umstrukturierung der Luftwaffe so plastisch und persönlich vorgetragen worden, wie man es eigentlich jedem interessierten Bundesbürger nur wünschen kann. Dass der anschließende Frageteil fast ähnlich umfangreich wurde wie der Vortragsteil, spricht nicht nur für die Aktualität des Themas, sondern auch für das nicht müde seiende Publikum und nicht zuletzt für den Referenten, der auf jede Frage geduldig einging und mit sachkundigen Fakten und persönlichen Erfahrungen ein Botschafter der Luftwaffe in bestem Sinne war.

 

 

 

Thomas Cherdron